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Zur Analogie des Analogen - Die Piratenpartei
Die Piraten haben gewonnen. Jedenfalls nahe 9 Prozent. In Berlin. Dabei ist vieles an dieser jungen Polit-Gruppierung (erst seit 2006 beim Bundeswahlleiter registriert) noch recht unbekannt. Nebulös wie eine pazifische Nebelbank, sozusagen. Ob zum Beispiel ihre Parteizentrale wirklich ‚Horn von Afrika’ heißt, bleibt deshalb vorerst ein unbestätigtes Gerücht.
Doch man hätte bereits hellhörig werden können: in 2009 bekamen die Freibeuter an den Bundestags-Wahlurnen glatte 2 Prozent, was schon mal mehr war als das aktuelle FDP-Resultat bei der diesjährigen Berlinwahl. Fast gewinnt man den Eindruck, daß die alten Wirtschaftspiraten vom Schlage Graf Lambsdorffs, Rainer Brüderles oder - in modernerer Form - Westerwelles und Röslers von ihren wilden und ungestümen Nachfolgern aus der Netzwelt quasi über Nacht geentert und von Bord gejagt wurden.
Doch was geht in den Wählern vor, die genau diese Partei gewählt haben? Was hat sie an- und umgetrieben, Wahlpiraten zu werden? Die Online-Ausgabe der Zeitschrift CICERO weiß schon am 19.9., also einen Tag nach der Berlin-Wahl:
…der typische Piratenwähler weiterhin zwar eher jung, männlich, gebildet und selbstständig. Aber auch bei den älteren und weiblichen Wählern sowie in der Gruppe der Arbeiter und Angestellten gewannen die Piraten deutlich hinzu. Gerade für Erst-, Nicht- und linke Wechselwähler scheint die neue Partei attraktiv geworden zu sein.
Im Klartext: 130000 männliche und weibliche Erst-, Jung-, Nicht- und Altwähler gaben den Totenkopf-Jüngern ihre Stimmen. Quer Beet durch Alter, Geschlechter und Klassen. Mit Forderungen wie ‚Freiheit fürs Netz’, aber auch ‚Freie öffentliche Beförderung’ oder ‚bedingungslose Grundversorgung’ traf die Nerd-Fraktion offenbar Stimmungen, die für sie stimmten. Was ist daran so interessant, dass die Programme der etablierten Parteien incl. der einstmals so progressiv-unangepasst gestarteten Grünen-Partei schon fast vermoost, unzeitgemäß und überflüssig erscheinen? Dass Euro-Debatte, Schuldenabbau oder KITA-Thematik für viele Wähler weder Anreiz noch Orientierung boten?
Vielleicht hilft mal ein Blick in die Film-Klamottenkiste. In Monty Pythons Werk ‚Der Sinn des Lebens’ von 1983 erhoben sich versklavte Buchhalter in einer Versicherung namens ‚crimson permanent assurance’ (http://www.youtube.com/watch?v=errwLVgHpXY&feature=related) und entledigten sich äußerst gewalttätig ihrer Vorgesetzten (welche im Film exakt so aussahen wie heutzutage Jungliberale oder Börsenmakler). Sie machten ihr altes Bürohaus zur Piratenkogge (sozusagen mittels einer ‚Umfimierung’) und segelten damit in das Abenteuer, die Weltmärkte zu entern und zu erobern. Die Analogie zum Aufleben der Piratenpartei ist gegeben: wider eine Seelenlose (Finanz-)Wirtschaft, hin zu direkten und befriedigenden Vorhaben und Handlungen. Insofern wirken auch die Forderungen der neuen Partei ähnlich konsequent wie der Buchhalteraufstand im Film: im Zentrum ihres Themen-Katalogs stehen nicht etwa milliardenschwere Schulden-Abbau-Pläne, Strukturwandel oder der Bau von 50 neuen Kitas nahe dem Sankt-Nimmerleins-Datum. Sondern anfass-bare, sinnliche und ergebnisschnelle Forderungen. Es handelt sich dabei um ein durchaus visionäres Konglomerat von ‚Alltags-Flatrates’, die unsere komplexe Wirklichkeit überschaubarer, erträglicher und irgendwie auch wieder spaßbetonter zu werden versprechen.
Hier wird es nun psychologisch spannend: mitten aus der virtual reality, geradewegs aus dem Nerdiversum am Ende des WorldWideWeb erreichen uns Wahlversprechen mit konkretem, unmittelbaren Kaloriengehalt ohne Zaudern, Abwägen und Relativieren. Die App-Kömmlinge aus dem Cyberspace machen sich stark für analoge, menschenbezogene Nutzanwendungen im Alltag weit diesseits der Bildschirme, Tablet-PCs und Glasfaser-Anschlüsse. Wenn man bedenkt, zwischen welchen Alternativen man in Berlin wählen konnte, wahrlich nicht die unattraktivste.
Ob nun aber von dieser politischen Seite noch mehr, anderes und weiter Überraschendes kommt, bleibt abzuwarten. Ob die Piraten beispielsweise auch mal einen interessanten Kapitän präsentieren, steht derzeit noch offen. Oder aber es geht ihnen irgendwann in den nächsten Jahren wie den Businesspiraten im Monty-Python-Film. Deren ‚Schiff’ stürzt am Ende des Films geradewegs vom Rand der Welt. Ob dies ein Navigationsfehler der Besatzung oder aber der ‚natürliche’ Weltenlauf aller Utopien war/ist, bleibt - hier wie dort - zu diskutieren.



