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Starke Frauen in den Medien
Die starken Frauen in den Medien sind Ausdruck einer tiefen Sehnsucht unserer Kultur nach anderen Lebensbildern und Bewältigungsstrategien. Sie kämpfen nicht wir ihre männlichen Kollegen gegen das Verbrechen, sondern mit dem Schicksal.
Das Phänomen ist unverkennbar. Die starken Frauen bestimmen neuerdings den Bildschirm. Die Unternehmerin, Gerichtsreporterin und vor allem die Kommissarinnen. Um dieses Phänomen in seiner Bedeutung und Tragweite für unsere Alltags-Kultur verstehen zu können, müssen drei Fragen geklärt werden:
- Wofür oder wogegen kämpfen die Frauen in den Serien? Und worauf verweist dieser Kampf?
- Wen bzw. was haben diese Frauen abgelöst bzw. ersetzt?
- Was charakterisiert diese Frauen oder anders ausgedrückt: Worin besteht ihre Stärke und Eigenart?
- Dramaturgisch fällt auf, daß diese Frauen nicht nur, wie die Männergestalten in den Serien und Krimis, gegen Verbrecher bzw. das Verbrechen kämpfen. Uschi Glas, Iris Berben oder Hannelore Elsner kämpfen gegen das Schicksal in seiner ganzen Bandbreite und persönlichen Tragik.
Die starken Frauen in den Medien lösen im wahrsten Sinne des Wortes die Wechsel-Fälle des Lebens.
Damit berühren sie eine Grundfrage unserer Alltags-Kultur, die sich der Fernsehzuschauer tagtäglich vor dem TV stellt: Wie löse ich die ewigen Probleme (Liebe, Enttäuschung, Verrat, Verlust, Tod usw.), vor die ich mich in meinem Leben gestellt sehe? Das TV ermöglicht den Zuschauern am Abbild der Serienhelden eine individuelle Schicksals-Spiegelung. Das war schon immer so. Aber mit den neuen Frauengestalten treten jetzt neue Problemlösungs- und Lebensstrategien auf den Bildschirm.
Der Erfolg dieser Frauengestalten deutet auf einen kulturellen Wandel hin: Die traditionellen - durch die Männer repräsentierten - Problemlösungsstrategien à la Derrick und Schimanski haben sich erschöpft.
Die starken Frauen sind Ausdruck einer tiefen Sehnsucht unserer Kultur nach anderen Lebensbildern und Bewältigungsstrategien.
- Die Stärke der Frauen ersetzt bzw. kontrastiert die Stärke der Männer. Dabei bekommt die ''Stärke'' eine völlig neue Bedeutung: Sie hat nichts mehr mit der cool-distanzierten Stärke eines Derricks oder der kraftvollen Markanz eines Schimanskis zu tun. Die neuen Frauengestalten bilden den (vorläufigen) Endpunkt einer Entwicklungsreihe, die sich zwischen Derrick - Schimanski - Fahnder - Lamprecht ausspannt.
Sie bilden den Gegenpol zu Derrick, der die schmerzlichen Verwicklungen des Lebens überhaupt nicht an sich heranläßt und die Fälle des Lebens von einer höheren - ungerührten - Warte aus löst. Sie grenzen sich auch ab von der Generation der Schimanskis und Fahnder, die sich zwar emotional anrühren lassen, diese Rührung aber dann direkt brachial wieder ausagieren. Eine Seelenverwandtschaft haben sie jedoch zu Günther Lamprecht, der als erster Kommissar im TV einen sensiblen still-melancholischen Schicksalskampf geführt hat und daher der eigentliche Vorläufer der neuen Frauengestalten ist.
- Die besondere Eigenart der weiblichen Bewältigungsstrategien, ihrer neuen Stärke, erschließt sich jedoch erst bei näherer Charakterisierung der Frauengestalten: Es sind keine jungen, schönen Frauen, die allein eine dekorative Funktion haben, sondern Frauen (jenseits der 40), die bereits gestanden sind, denen man Reife und Lebenserfahrung ansieht und abnimmt. Sie strahlen gleichzeitig Sinnlichkeit und die fast schon vergessene Fähigkeit zum Mitleiden aus. Der Zuschauer spürt: Sie gehen anders mit der Welt und mit dem Leben um. Sie sind bereit, sich der Brisanz, dem Leid, das mit Entwicklungen verbunden ist, zu stellen. Sie versuchen nicht - wie die Männer - die Widersprüche des Lebens zu zerschlagen oder wegzusperren, sondern sie auszuhalten und beharrlich auszugestalten. Sie markieren daher auch ein Gegenbild vor allem zu der cool-distanzierten und stets sprunghaften Jugend, die alle Entwicklungen mitmacht, aber sich nicht wirklich anrühren und mitnehmen läßt.
Die neuen Frauengestalten transportieren durch ihre Eigenart eine neue Lebenshaltung bzw. ein neues Lebensrezept, das den Zuschauern eine Orientierung für das eigene Leben gibt: Man kommt heute nicht weiter, wenn man die Verkehrtheiten unserer Welt verdrängt, beschönigt oder kaputt schlägt. Das Leiden an der Welt, am Schicksal mit seinen Verkehrtheiten und Widersprüchen kann ein erster Schritt sein, mit dieser Welt fertig zu werden. Das heißt jedoch nicht, daß man sich passiv seinem Schicksal fügt. Man gestaltet aktiv sein Leben, aber erst nachdem man sich die ganze Bandbreite, Brisanz und Tragik unserer Lebensverhältnisse vor Augen geführt hat.



