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Mütter in Deutschland: Alte Rollenmuster sind keine Lösung - Zur Diskussion um die Thesen von Eva Herman
Die von der Tagesschau-Moderatorin Eva Herman ins Rollen gebrachte Diskussion um die Rolle der Frau als Mutter („Das Eva-Prinzip"), greift ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem auf. Allerdings kommt die Fernsehjournalistin nach Auffassung der Wissenschaftler vom Kölner rheingold-Institut zu einem völlig falschen Schluss. Nicht die Rückkehr zu alten Rollenmustern, wie von Herman angeregt, ist die Lösung des Problems. Vielmehr müssen die Mutter- und auch die Vaterrolle völlig neu definiert werden. Die deutsche Doppelmoral im Hinblick auf die Mütter muss gebrochen werden. Das jedenfalls sind die Ergebnisse umfangreicher Forschungen, die das Kölner rheingold-Institut in den vergangenen Jahren durchführte und in deren Rahmen Tausende von Frauen befragt wurden.
Der Dipl. Psychologe Stephan Grünewald greift die Problematik in seinem aktuellen Buch „Deutschland auf der Couch“ auf. „Die Rückkehr zu alten Rollenmustern entspricht weder den gesellschaftlichen Realitäten noch den Wünschen der Männer und Frauen in Deutschland“, so Grünewald. Das insgeheime Dogma der Nur-Mutter sollte endgültig der Geschichte angehören. Die Gesellschaft muss über flächendeckende Betreuungsmaßnahmen dokumentieren: Auch die berufstätige Frau ist eine gute Mutter. Jede Frau hat ein Anrecht auf gesellschaftliche Unterstützung bei der Erziehung der Kinder.
Auch die Diskreditierung von Nur-Müttern oder Nicht-Müttern ist längst nicht mehr zeitgemäß. Die hauptsächlich familiäre Verwirklichung durch Hausfrau- und Mutter-Sein oder die berufliche Verwirklichung sollten als alternative, aber gleichermaßen vollwertige Lebenskonzepte vermittelt werden.
Die Forschungen des rheingold Instituts zeigen: Die gesellschaftlichen Perfektionsansprüchen an Väter und Mütter müssen relativiert werden. Es gibt weder ideale Väter oder ideale Mütter, noch eine perfekten Familienführung. Der Erfolg der Fernsehserie „Supernanny“ greift die Sehnsucht der Mütter und Väter nach einer realistischen Wahrnehmung familiärer Nöte und Probleme auf. Und den Wunsch nach lebbaren Handlungsrezepten für das Abenteuer Familie.
Ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Diskurs darüber, wie man in der heutigen Zeit Beruf und Familie vereinbaren kann, ist überfällig. Das Ziel dieser Auseinandersetzung sollte die Entwicklung von klaren und lebbaren Rollenbildern für Mütter und Väter sein. Statt Rückkehr zu alten Rollenmustern ist ein neue Definition der Vater- und Mutter-Rolle dringend erforderlich.
Die aktuelle Situation, wie sie von den in tiefenpsychologischen Untersuchungen befragten Frauen erlebt wird, ist ernüchternd:
1. Die deutschen Müttern reiben sich im Perfektions-Spagat auf
Die noch real existierenden Mütter in Deutschland wirken im Vergleich mit z.B. den Müttern in Frankreich viel gestresster und unzufriedener. Sie reiben sich in ihrem Alltag an einem in Deutschland besonders stark vorhandenen doppelten Perfektionsanspruch auf: Einerseits soll sich die Mutter auch heute noch als Nur-Mutter idealerweise rund um die Uhr um die Kinder kümmern. Die unbedingte Hingabe an das Kind, ein langer und intensiver Stillkontakt, die Opferung der eigenen Interessen zugunsten der Bedürfnisse des Kindes gelten als implizite oder explizite Muttervorschriften in Deutschland.
Andererseits soll sie nach dem Vorbild der Trümmerfrau Deutschland aufbauen und sich beruflich verwirklichen. Zudem soll die Mutter auch noch ihre erotische Ausstrahlung erhalten und als Frau eine attraktive Geliebte sein. Die Folge: Getrieben von dem schlechten Gewissen, vielleicht doch nicht genug für die Kinder zu tun, da man ja halbtags berufstätig ist oder sich mit seinen Freundinnen trifft, demonstrieren sie ihren unermüdlichen und aufopferungsvollen Einsatz für die Familie.
2. Das Image-Problem der deutschen Mütter: Die berufstätige Mutter gilt als Rabenmutter – die Nur-Mutter als antiquiert und nicht vollwertig
Die Mütter, die sich nach einer Erziehungszeit entschlossen haben, wieder halbtags arbeiten zu gehen, sind ständig geplagt von Selbstvorwürfen, Kind oder Kinder und die Familie zu vernachlässigen. Immer wieder spüren sie unterschwellig, daß sie gegen das Bild ankämpfen müssen, eine Rabenmutter zu sein. Nach der Arbeit wird daher oft die gemeinsame Zeit mit den Kindern mit Fürsorglichkeits- und Gemeinsamkeitsansprüchen überfrachtet. Man will sich jetzt auf jeden Fall beinahe ausschließlich mit den Kindern befassen. Man displiziniert sich zum gemeinsamen Spiel oder zu anderen Aktivitäten – ganz gleich, ob man selbst oder auch die Kinder dazu aufgelegt ist.
Fatalerweise leiden aber auch die Mütter, die sich voll und ganz für die Mütterrolle entschieden haben, unter dem Druck ihres schlechten Gewissens. Sie müssen ständig gegen das Bild anarbeiten, keine vollgültige und moderne Frau zu sein. Sobald man sie nach ihrem Alltag fragt, geraten sie gegenüber sich und anderen in einen Rechtfertigungszwang. Sie fühlen sich gemüßigt genau darzulegen, wieso sie (noch) nicht wieder arbeiten gehen und wie aufreibend das Leben auch ohne Beruf ist. In der Tat produzieren sie, um diesem Bild gerecht zu werden, eine aufzehrende Betriebsamkeit. Die Organisation des häuslichen Lebens und die Erziehung der Kinder wird quasi zum Beruf gemacht und dadurch übermäßig programmiert und formalisiert.
Als Managerin der eigenen Kinder wird dann häufig ein engmaschiger Terminplan über die Woche gelegt. Beinahe jeder Tag ist besetzt durch Babyschwimmen, Krabbel- oder Spielgruppen, durch Motorik-, Turn- oder Ballettkurse, durch Klavier- oder Reitunterricht, durch schulische Nachhilfe, durch Tennis- oder Fußballtraining oder durch andere Fördermaßnahmen. Als Chauffeurin der Kinder und Koordinatorin all dieser Termine müssen die Mütter dann tagtäglich logistische Höchstleistungen vollbringen. Die daraus resultierenden Gehetztheits- und Erschöpfungszustände sind dann durchaus mit den berufstätigen Müttern konkurrenzfähig.
3. Die Mütter fühlen sich von den Männern im Stich gelassen
Aus Sicht der Mütter bröckeln die Versorgungsleistungen von ‚Vater Staat‘ . Es gibt immer noch zuwenig Betreuungs-Einrichtungen, die der Mutter frühzeitig Entlastung garantieren. Gleichzeitig erscheint die Zukunft von einem weiteren Abbau von Arbeitsplätzen und Sozialleistungen geprägt zu sein.
Im Stich gelassen fühlen sich die Frauen aber auch von den Männern. In puncto Verlässlichkeit und gemeinsamer familiärer Verantwortung werden sie als unberechenbar erlebt.
Die Männer sind stärker als die Frauen von einem digitalen Lebensideal geprägt. Von der Vorstellung also ein Leben wie eine CD führen zu können. Ein Leben in ewigem Glanz, bei dem sich auf Knopfdruck die Welt erschließt und man spielerisch von Höhepunkt zu Höhepunkt zappen kann. Ein Leben idealiter ohne Verpflichtung, Risiko, Arbeit, Schicksal, Alterung und Tod. Vor dem Hintergrund einer solch paradiesischen Lebensvorstellung erscheinen Kinder als Betriebsstörung oder als Einbruch einer ungeliebten Konsequenz und Verbindlichkeit.
Die Mütter stecken hingegen unmittelbar im analogen Lebensvollzug.. Wie bei einer Schallplatte gibt es hier eine vorgegebene Schicksalsspur, in der man sich aufreibt. Das Einlassen darauf engt zwar die persönlichen Spielräume ein, führt zwar zu Knackern und Abnutzung beschert aber auch eine sinnliche Unmittelbarkeit: man bringt hautnah die Musik des Lebens zum Klingen und Schwingen.
Kinder sind das letzte analoge Abenteuer unserer Wirklichkeit.
Aber viele Frauen erleben, daß ihre Männer dieses Abenteuer mit ihnen nicht gemeinsam durchstehen wollen. Oft lassen die Männer sich nur bedingt oder zögerlich auf den Kinderwunsch ein. Wenn der Nachwuchs dann da ist, verschaffen die Arbeitsstelle, der Sportverein, der Freundeskreis oder die abendliche Internetsession immer wieder Fluchtmöglichkeiten aus den Festlegungen und Problemen des Familienalltags. Dadurch verstärken Männer das Selbstbild vieler Frauen, trotz Partner eigentlich eine allein erziehende Mutter zu sein.
4. Die Männer sind in ihrem Rollenbild verunsichert
Die Männer haben kein klares Bild mehr von ihren Rolle als Mann und ihren familiären Aufgaben. Sie sollen beruflich erfolgreich sein, ein fürsorglicher Vater, ein empfindsamer Frauenversteher und ein metrosexueller Schöngeist. In der Familie führen viele Männer im Zuge ihrer beschriebenen Verunsicherungen ihre Vaterrolle nicht mehr offensiv aus. Sie wollen alles richtig machen und weder ihrer Frau noch den Kindern eine Angriffsfläche bieten. Dadurch geben sie aber auch stillschweigend in vielen Lebensbereichen ihren Anteil an einer familiären Richtungsbestimmung auf. Sie vermeiden Auseinandersetzungen in der Familie, sie üben keine grundsätzliche Kritik, wollen sich aber auch nicht der Kritik stellen. Sie tragen zwar wacker das Familienprogramm mit, begnügen sich dabei aber mit kleinen Kurskorrekturen oder Nörgeleien. Die letztendliche Verantwortung für das Familienklima oder für auftretende Erziehungsprobleme wird meist der Frau zugeschoben.



