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Eine schwere Geburt: Kinderkriegen in Deutschland
Warum bekommen deutsche Paare so wenig Kinder? In einer tiefenpsychologischen Studie hat sich rheingold mit diesem Phänomen beschäftigt. Hier die ernüchternden und erschütternden Ergebnisse:
Der Perfektions-Spagat schreckt Frauen ab
Die noch real existierenden Mütter in Deutschland wirken im Vergleich mit z.B. den Müttern in Frankreich viel gestresster und unzufriedener. Sie reiben sich in ihrem Alltag an einem in Deutschland besonders stark vorhandenen doppelten Perfektionsanspruch auf: Einerseits soll sich die Mutter auch heute noch als Nur-Mutter idealerweise rund um die Uhr um die Kinder kümmern. Andererseits soll sie nach dem Vorbild der Trümmerfrau Deutschland aufbauen und sich beruflich verwirklichen. Zudem soll die Mutter auch noch ihre erotische Ausstrahlung erhalten und als Frau eine attraktive Geliebte sein. Die Folge: viele Mütter sind ständig geplagt von ihrem schlechten Gewissen. Ihre innere Zerrissenheit wirkt auf viele potentielle Mütter eher abschreckend als ansteckend.
Kinder zerstören den Traum vom Paradies auf Erden
Kinder haben in der unbewussten Ersatz-Religion, die sich in Deutschland ausgebildet hat, keinen Platz. Sie werden als Betriebs-Störung in einem Lebensmodell gesehen, dass ständige Glücksmaximierung auf Knopfdruck, Konsequenz- und Schicksalslosigkeit, ständigen Neuanfang und einen virtuellen Schöpfungswahn verspricht.
Den Müttern fehlt der Beistand
Im Tiefeninterview beschreiben sich auch Mütter in festen Ehen oder Partnerschaften als allein erziehende Mutter. Vielen fehlt die Unterstützung vom Partner, von der eigenen Familie oder von staatlichen Betreuungseinrichtungen. Der unbewusste Anspruch, als gute Mutter letztendlich in Deutschland auch alleine die Kinder versorgen können zu müssen, verhindert das viele Mütter oder noch-nicht-Mütter gegen diese Missstände offen rebellieren.
Viele Frauen über 30 werden Opfer ihrer virtuosen Verhinderungs-Strategie
Die sich für die Frauen ab 30 zuspitzende Frage nach dem Muttersein wird durch eine virtuose Verhinderungs-Strategie – nach dem Vorbild von ‚Sex in the City’ - endlos vertagt. Grundsätzlich halten sie sich zwar die Mutteroption offen, finden aber immer wieder gute Gründe, sie hier und jetzt noch nicht zu verwirklichen: Der richtige Partner sei noch nicht gefunden, die berufliche Situation ist ungünstig oder die Wohnung unpassend. Das endlose Lavieren vor der entschiedenen Festlegung führt dann häufig dazu, dass es irgendwann in der Beziehung oder in der Biographie definitiv zu spät für ein Kind ist.
Das gesellschaftliche Sinn-Vakuum bietet keinen Platz für Kinder
Angesicht der gesellschaftlichen Krisen verspüren vor allem junge Menschen zwar einen Veränderungsdruck, aber sie haben keine Vorstellung oder Leitidee, wohin sich Deutschland entwickeln könnte. Die Zukunft erscheint ihnen wie ein schwarzes Loch. Die eigene Perspektivlosigkeit, das Gefühl, nicht genau zu wissen wofür man in Deutschland gebraucht wird, lähmt auch den Kinderwunsch.
Statt einer gesellschaftlicher Aufbruchstimmung, in der auch Kinder ihren Platz und Auftrag haben, dominiert ein Retro-Trend, in dem sich vor allem junge Männer und Frauen wieder in die eigene Kinderzeit zurückträumen.
Empirische Basis: 20.000 Tiefeninterviews, die das rheingold-Institut in den letzten vier Jahren zum Lebensalltag in Deutschland durchgeführt hat. Sie sind in dem im Campus Verlag erschienen Buch ‚Deutschland auf der Couch’ von Stephan Grünewald zu einem psychologischen Gesellschaftspanorama zusammengeführt worden.



