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Die Legende vom heiligen Ewald
Der Kölner an sich - wie tickt der eigentlich? Karneval, Kölsch und Kirche, Fußball und Frittenbüdchen, Rhein und Ringfest - die Kölner Seele hat viele Nischen. Diplom-Psychologe Heinz Grüne (44) hat Köln auf die Couch gebeten und erklärt uns unsere innersten Geheimnisse.
Gemeinsam mit Stephan Grünewald und Jens Lönneker gründete er 1987 "rheingold", hier erforscht das Trio mit mittlerweile fast 40 Psychologinnen und Psychologen den kölschen Alltag. Heinz Grüne steht mitten im Leben: Verheiratet, eine Tochter, er liebt Motorradfahren und Boxen, ist begeisterter Kölschtrinker (aber Nichtraucher) - und leidet am FC (Mitglied!).
Im EXPRESS finden Sie ab heute in loser Folge immer neue Nischen der kölschen Seele. Den Anfang machen FC und der "heilige Ewald". Damit Sie zum Bundesligastart wissen, was los ist.
Seit Anbeginn der modernen Fußball-Zeitrechnung (also seit den frühen 60ern) leben die Kölner in einer innigen Verbundenheit mit "ihrem" FC. Der FC ist Köln - und umgekehrt!
Es werden stets die höchsten Ansprüche an Ballfertigkeit und Spielstärke gestellt, Mittelmaß oder Rückschläge nicht toleriert. Abstieg? Ein Unwort! Eine Kölner Mannschaft muss "mit links" den Gegner vom Platz fegen - allein durch ihr "Kölner sein"!
Wer je inmitten aufgebrachter FC-Experten gesessen hat, weiß, was gemeint ist. Kritisch wird jede Aktion verfolgt, jeder Pass, jedes Dribbling, jeder Torschuss analysiert, kommentiert. Bei Patzern stets die gleichen Kommentare: Dat jit nix, uss demm weet nie jet, usw. Bis auf die treuen Anhänger aus der Südkurve, die ihr Team selbst in brenzligen Lagen, bei kippligen Spielständen anfeuern, verhalten sich die Durchschnitts-Kölner wie kaum zufrieden zu stellende TÜV-Prüfer.
Eine solche "Verschnupptheit" konnten sich die Kölner noch in den 80ern und bis in die frühen 90er Jahre hinein leisten. Die Lichtgestalten - Overath, Flohe, Neumann, Schumacher, Schuster, Dieter Müller, Klaus und Thomas Allofs, Littbarski, Häßler, um die meisten zu nennen - und ihre Helfer schafften es mit gewisser Regelmäßigkeit, Spiele oder gar Serien hinzulegen, die in etwa den Erwartungen an "Genie-Fußball aus Köln" entsprachen. Köln hatte ein, zwei "Fußballheilige", die es schon richteten. Das Double von 1978 - also vor 22(!) Jahren - ist das Maß, mit dem in Köln Fußball-Erfolge gemessen wurden (und werden).
Seit etwa Anfang der 90er klappt es nicht mehr so recht mit der Mär von der "eigentlich" so starken FC-Truppe. Mit Häßler und "Litti" verließen den FC die Letzten der wahren Heroen. Nach einigen gewürgten Klassen-Erhalts-Jahren stieg der FC - und mit ihm die ganze Stadt samt lädiertem Selbstbewusstsein - in die Zweite Liga ab. Daran konnte auch der letzte "Halb-Heilige" - Polsters Tünn - nichts ändern.
Und heute? Erstens: Der FC hat das Arbeiten neu für sich entdeckt! Das "Erfolgs-Dreigestirn" Albert Caspers, Hannes Linßen und Ewald Lienen hat es in erstaunlich kurzer Zeit geschafft, eine Aura des Anpackens, des Aufbruchs zu verbreiten. Erste Erfolge: Wieder-Aufstieg in Liga Eins, allgemeiner Stimmungswandel, Pläne zum Stadion-Neubau, zufriedene Sponsoren.
Zum Zweiten: Vor allem an der Person Lienen machen sich schon Symptome von Größenwahn und Maßverlust fest. Wie ein Heiland wird Ewald auf imaginären Schilden durch die Stadt getragen. Man komponiert Lieder, die ihn preisen, erklärt sein Hemd zur Reliquie, die man wohl noch im Dom ausstellen wird. Die Legende vom heiligen Ewald.
Lienen, Caspers und Linssen sind ein Glücksfall für Verein und Region. Die entscheidende Frage aber: Siegt in Köln die neu entdeckte "Arbeitsmoral"? Oder setzt sich der stadtnotorische Hang zur irrationalen Übertreibung ("Helden"- oder gar "Hemden-Verehrung") wieder durch? Gehen Sie zu einem der nächsten Spiele (so Sie noch Karten bekommen) und lauschen sie den "Experten". Dann wissen Sies!



