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- Wir alle haben uns verzockt - Im Finanzcrash platzt ein kultureller Traum, die Gesellschaft steht vor einem Schwarzen Loch
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Der Erfolg von Bohlen und Effenberg
Drei Dinge haben Dieter Bohlen und Stefan Effenberg gemeinsam: den Erfolg in ihrem Beruf, den Erfolg bei den Frauen und ihre provokante Art der öffentlich-schriftstellerischen Selbstinszenierung. Dass mittlerweile auch diese – auf den ersten Blick – einfach-ehrliche und politisch wenig korrekte Art der Autobiographie erfolgreich ist, lässt sich nur vor dem kulturpsychologischen Hintergrund der aktuellen Männerkrise verstehen. Bohlen und Effenberg markieren heute scheinbar ein Gegenmodell zum »normalen« Mann, der sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, völlig verunsichert zu sein und - wie die Brigitte titulierte - zum »Herren der Erschöpfung« mutiert zu sein. Das rheingold-Institut hat in einer tiefenpsychologischen Untersuchung jüngst 60 Männer auf die Couch gelegt und diagnostizierte eine Krise der männlichen Selbstinszenierung.
Die Männer heute verfügen nicht mehr über ein eindeutiges Bild, wie sie sich – vor allem gegenüber Frauen – als Mann darstellen sollen: Soll man dominant oder verständnisvoll auftreten? Soll man den Ton angeben oder sich den Wünschen der Partnerin anpassen? Die Männer fühlen sich hin- und hergerissen zwischen dem traditionellen aber als überkommen gebrandmarkten Männerbild und einem postmodernen Klischeebild, das in politisch korrekter Manier ein Idealbild des neuen Mannes zeichnet. Sei verständnisvoll, tolerant, emanzipiert, feinfühlig, aggressionsfrei, antiautoritär und kommunikativ lauten die postmodernen Männergebote. Folgt der Mann diesen Geboten, so merkt er schnell, dass sie weder im Beruf, noch bei den Frauen zum Erfolg führen.
Bekennt er sich zu den traditionellen Männer-Geboten, die den Mann als dominantes und durchsetzungsstarkes Oberhaupt (der Familie) definieren, hat er zwar mehr Erfolg im Beruf und bei den Frauen, muss aber ständig mit dem Makel leben, ein politisch nicht korrektes Auslaufmodell zu sein. Bohlen und Effenberg versprechen die Männer und auch die Frauen von dieser verunsichernden Bild-Diffusion zu erlösen. Sie propagieren eine neue gradlinige Männer- und Kultur-Moral, die nur sich selbst und die eigenen Ziele und Wahrheiten zum unbeirrbaren Maßstab im Dickicht der Wirklichkeit erhebt. In dem sie - vor allem in der Selbstvermarktung - vorgeben, kompromisslos mit dem postmodernen Männer-Klischee brechen, leiten sie eine Gegenreformation in Sachen Männerbild ein. Sie bedienen die latente Sehnsucht der Kultur nach einfachen oder besser gesagt »effen« Erfolgsrezepten, für die man sich nicht schämen muss.
Die mediale Konjunktur und Breitenwirkung dieser Erfolgsrezepte gilt als Bestätigung bzw. Berechtigung mittlerweile wirklich so sein zu dürfen, wie es Bohlen und Effenberg vorleben. Begünstigt wird die Bohlensche Gegenreformation dadurch, dass das postmoderne Schrödersche Kompromiss-Modell, des »ich versuche es allen (und besonders der Doris) Recht zu machen« als Erfolgsrezept abgewirtschaftet hat: Es ist zum Sinnbild für Krise und Stillstand geworden.
Der Erfolg der Gegenreformation durch Bohlen und Effenberg mag überraschen, er kündigt sich allerdings seit Jahren an. Dietrich Schwanitz ist mit seinem ebenso intelligenten wie amüsanten Buch »Männer« eine Spezies wird besichtigt« ein geistiger Vorläufer. Seine Kernthese, das der heutige Mann trotz aller Kultivierungsbemühungen immer noch ein Replikant der Urhorde ist, hat für die Männer eine ähnlich befreiende Absolutions-Funktion wie die Bohlensche Konterkarierung des politisch korrekten Mannes. Auch der Ratgeberboom, der den Buchmarkt in den letzten Jahren dynamisiert hat, ist Ausdruck einer Sehnsucht nach eindeutigen und klaren Regieanweisungen angesichts bestehender Rollendiffusionen. Bohlen gebührt in diesem Kontext die Rolle des Oberratgebers, der die Inflation der Ratschläge und Erfolgsrezepte in seiner Person kanalisiert und hierarchisiert. Sein Erfolg auch bei der Jugend verdankt Bohlen jedoch vor allem seiner Rolle als Chef-Kritiker der Nation bei der Suche nach dem Superstar. Als wortgewaltiger Reich-Raniki der Popwelt avanciert Bohlen zum Gegenbild des antiautoritären Vaters, der für alles Verständnis hat, aber weder eine Vision noch ein Maß hat, von dem aus er seine Kinder führen, erziehen und kritisieren kann.
Das Interesse am handfesten, provokanten, vulgären und wahrhaft unverstellten Leben bescherte bereits in den 90er Jahren den nachmittäglichen Talkshows satte Einschaltquoten. Die sich dabei täglich auftuenden Gründe und Abgründe menschlicher Selbstinszenierung konnten aber als die Prinzipien und Rezepte der gesellschaftlichen Looser diskreditiert werden. Mit Dieter Bohlen und Stefan Effenberg erfahren dies unverstellten und als wahrhaftig titulierten Lebensrezepte scheinbar eine Adelung: Sie versprechen Erfolg im Beruf und bei den Frauen. (Effenberg wird daher erst als wirklich erfolgreiche Person anerkannt, als es ihm gelungen ist nicht nur die Champions League, sondern auch Frau Strunz zu gewinnen.) Die Ironie dabei ist, dass sie zwar in der Marketing-Inszenierung ihrer Bücher die Sehnsucht nach der political incorrectness aufgreifen, im konkreten autobiographischen Vollzug aber wieder zu beweisen versuchen, dass sie ja eigentlich doch recht brave und politisch korrekte Männer sind.



