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Jens Lönneker
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Bewusst dick? Wir sehnen uns wieder nach klaren Regeln fürs Essen
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Bewusst dick? Wir sehnen uns wieder nach klaren Regeln fürs Essen

Übergewichtige Menschen werden bei vollem Bewusstsein dick! Denn sie sind darüber aufgeklärt, was grundsätzlich dick macht. Studien zum Thema Ernährung und Bewegung belegen immer wieder, dass Wissen und rationale Argumente im Kampf gegen Übergewicht wenig bis gar nicht fruchten. Dieses Phänomen zeigt sich, obwohl die meisten übergewichtigen Menschen nicht dick sein wollen. Sie unterliegen Einflüssen, die sich der Wirkung rationaler Argumentationen entziehen.

Dabei verhalten sich auch die meisten übergewichtigen Menschen, nicht permanent ungesund. Wie bei allen Menschen wechseln sich bei ihnen vernünftige Phasen ab mit Verfassungen, in denen wieder über die Strenge geschlagen wird: Wird etwa im Verlauf des Tages auf maßvolle, gesunde Kost geachtet und vielleicht sogar noch eine Runde gejoggt, kann abends auf der Feier gerade das siebte oder achte kleine Bierchen besonders lecker schmecken. Rationale Argumente entfalten aber in einer bierseligen Verfassung kaum mehr eine Rolle. 

Für unser seelisches Wohlbefinden sind diese „unvernünftigen“ Verfassungen durchaus wichtig, weil wir uns in ihnen fallen lassen können und die strengen Anforderungen der Alltagsrealität für eine gewisse Zeit über Bord werfen können. Empfindungen wie Freude, Spaß, Liebe, Gemeinschaft, aber auch Frust, Enttäuschung, Schmerz werden in ihnen intensiver erlebt, da die nüchtern-rationale „Rüstung“ der Erwachsenen-Welt für eine zeitlang in den Hintergrund tritt. Wenn die Zahl der Menschen mit Übergewicht zunimmt, dann ist psychologisch betrachtet auch die Affinität zu solchen „unvernünftigen“, kindlich-lustbetonten Verfassungen in einer Gesellschaft gestiegen.

Untersuchungen zeigen, dass bei diesem Anstieg unter anderem zwei Einflussgrößen eine besondere Rolle spielen: Der Verlust eines festen Alltags-Rhythmus und der Abbau von Bindungen in der Familie und am Arbeitsplatz. In den letzten Jahrzehnten ist in der gesellschaftlichen Entwicklung auf immer mehr individuelle Freiheit zu Lasten genereller Normen und Verbindlichkeiten gedrängt worden. Im Alltag hat dies unter anderem zu flexibleren Arbeitszeiten, aber in der Konsequenz auch zu mehr unregelmäßigem Essen geführt. Zudem verfügen Menschen ohne aktuell intakte familiäre Bindung wie etwa viele Singles oder aber auch Arbeitssuchende oft über weniger sozialen Halt im Alltag und werden durch „Genuss“-Angebote verführbarer. 

Viele Menschen sehnen sich daher wieder nach klaren Regeln und Normen fürs Essen. Nicht zuletzt darauf ist die starke Beachtung jedes neuen Ernährungs- und Diätkonzepts zurückzuführen. Zu klaren Regeln zählen zudem sicher auch einfache, leicht verständliche Nährwertkennzeichnungen.

Die Sehnsucht geht aber weiter: Gewünscht werden mehr Regeln und Verordnungen – statt allein rationaler Aufklärung. Im Konzert von EU, Staat, Unternehmen und Medien sollen wieder Vorgaben dafür entwickelt werden, wie sich richtig ernährt und bewegt wird. So wie ein Kind von den Eltern Regeln erwartet, so sollen Vorgaben „von oben“ die Neigung zu Genuss-Verfassungen eindämmen helfen. Der Druck auf Industrie und Handel wird daher weiter zunehmen. Die psychologische Analyse macht aber deutlich, dass sich echte Erfolge nur einstellen können, wenn auch „Genuss“-Verfassungen ihren Platz im Alltag erhalten.