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Bei Ihnen klingelt‘s wohl?!
Unsere ach so kommunikationsfreudige Zeit findet ihre neuen akustischen Symbole in den Klingeltönen der mobilen Telefone, welche seltsamerweise nur in Deutschland auf den englisch klingenden Kunstnamen ‚Handys‘ hören. Diese ständigen Begleiter und ihre klingenden, piepsenden und fiepsenden Lebensäusserungen sind für uns moderne Menschen Segen und Fluch zugleich.
Ein Segen sind sei, weil sie uns unabhängig machen von vorhandenen ‚Leitungen‘ oder Telefon-‚Zellen‘. Wir können heute von fast überallher und zu (ebenfalls fast!) jeder Zeit mit unseren Lieben daheim oder unserem Büro kommunizieren und Grüße oder Informationen übermitteln. Ein Fluch sind sie aber auch, weil wir uns oftmals den Zwängen aussetzen, ständig erreichbar sein zu müssen oder ständig jemand erreichen zu wollen. So wird das ‚Handy‘ im Extrem zu einem ‚Babyphon für Erwachsene‘ oder zu einem ‚digitalen Gängelband‘.
Durch die jeweils verwendeten/eingestellten Klingeltöne bekommt men eine erste Information darüber, mit wem man es bei einem Handybesitzer jeweils zu tun haben könnte.
Die Indifferenten. Ihnen ist es egal, welchen Laut das Handy gibt. Hauptsache, es ist so laut, dass er/sie es überhaupt hört. Meist wird die Grundeinstellung des jeweiligen Modell-Anbieters (Nokia, Ericsson, Siemens und Co.) einfach beibehalten und höchstens die Lautstärke variiert. Die generelle Haltung gegenüber dem Handy ist eher leidenschaftslos. Man nutzt es wegen mancher Vorteile, lässt sich lieber anrufen als dass man selbst anruft, schaltet es des öfteren aus und weiß mit den meisten zusätzlichen Einstellungs-Optionen gar nichts anzufangen. Das Handy ist ein nützlicher Alltagshelfer ohne herausragenden Stellenwert. Die ‚Indifferenten‘ sind meist schon etwas älter und stehen den vielen digitalen Neuerungen (DVD, UMTS, DSL und Co.) eher skeptisch gegenüber.
Die Hippen. Hier spielt das Dabei-Sein in einer meist jugendlichen Ingroup eine wichtige Rolle. Die Klingeltöne dienen als Erkennungsmelodie – sowohl für den Einzelnen innerhalb einer Clique als auch für die ganze Gruppe. Was da erklingt, ist cool und in! So kann man sich von anderen abgrenzen. Die Töne symboliseren also einen akustischen Code, der verbindet. Hier kommen oftmals die ‚Zukauf-Melodien‘ einschlägiger Anbieter zum Zuge. Angesagte Hits und Grooves werden handytauglich digitalisiert und können per SMS oder aus dem Internet geladen werden. Allein das Beherrschen dieser neuen Techniken weist die ‚Hippen‘ als eher ‚digital‘ orientiert, ‚jünger und moderner aus. Das Handy ist für sie d a s zentrale Medium. ‚Altmodische‘ Rituale wie das ‚normale‘ tatsächliche Zusammentreffen in der Gruppe werden durch kollektives ‚Rum-SMSen‘ verfremdet und ge-up-datet.
Die Wichtigen. Hier soll die Umgebung per Handy beeindruckt werden. Das klingelnde Handy soll vor allem laut sein und auffallen – und dies gerne im Wartebereich des Flughafens, im Erste-Klasse-Abteil der Bahn und an anderen ebenfalls wichtigen Orten. Telefoniert wird so, dass andere Personen noch in 10 m Entfernung alles haarklein mithören können: „UND NUN SAGEN SIE DEM MÜLLER, ER SOLL BIS MONTAG LIEFERN, SONST KANN ER WAS ERLEBEN!“
Die Wahl des Klingeltons soll helfen, den Beeindruckungsgrad zu erhöhen: klassische Melodien (z.B. Beethovens 5., gerne auch Wagners Walküren), das martialische Kampflied aus der Rocky-Serie und ähnliche Breschen-Hauer dienen der Unterstreichung der gewünschten Wirkung: Platz da, jetzt komme ich. Die ‚Wichtigen‘, unter ihnen oftmals Geschäftsleute in gehobenen Positionen, sind die neuen Akustik-Terroristen der modernen Zeit. Sie warten nur darauf, dass auf Flügen das Handyverbot aufgehoben wird. Dann können sie ihre Umgebung endlich pausenlos malträtieren.
Die Originellen. Hier soll ebenfalls eine gewisse Profilierung betrieben werden, welche jedoch glücklicherweise meist den Penetranzgrad der ‚Wichtigen‘ verfehlt. Vielmehr sollen geeignete originelle Akzente gesetzt werden, welche den ‚Klingelton-Besitzer‘ als besonders kultiviert, gewitzt oder weltoffen positionieren. Hier kommen sowohl Jazz-Weisen (wie z.B. das berühmte Take Five von Brubeck) wie auch eher der Geräuschwelt zugehörige Töne zum Einsatz: Knarrzen, Vogelzwitschern, Brummen etc. Neulich hörte der Autor sogar das altvertraute rrring-rrring-Klingeln eines Wählscheiben-Telefons aus der Manteltasche eines Handybesitzers. Dessen Originalitäts-Index stieg in der unmittelbaren Umgebung sofort um einige Skalenpunkte. Es ergab sich im folgenden ein angeregtes Gespräch über die schöne alte Zeit des Standard-Einheits-Telefons unserer verblichenen Bundespost. Die Originellen sind die Kreativen unter den Handy-Nutzern. Sie ‚holen‘ aus dem neuen Kommunikations-Medium raus, was an unverbrauchter Originalität ‚drin‘ ist.
Nach-Gedanke. Ob man nun ‚Wichtiger‘, ‚Hipper‘ oder ‚Origineller‘ ist, sein oder werden möchte - es scheint, dass alle Welt manchmal auch froh ist, wenn man dem Handy einen ganz simplen Befehl erteilt: sei mal ruhig, halt die Goschen und mach mal Pause. Und für diejenigen, die auf Erreichbarkeit dennoch niemals verzichten wollen, gibt es ja dann immer noch den ach so geräuscharmen Hosentaschen-Vibrator!



